Jungheinrich Lüneburg: 140 Bürojobs sind kein Ersatz für 190 Industriearbeitsplätze
Letzte Woche war ich wieder bei den streikenden Jungheinrich Lüneburg Beschäftigten vor dem Werkstor in Moorfeld. Seit 10 Wochen kämpfen sie für ihre Arbeitsplätze. Die heutige Berichterstattung der Landeszeitung zur Anmietung neuer Büroflächen durch Jungheinrich schafft Fakten, aber sie löst das zentrale Problem nicht: das geplante Ende der Produktion am Standort Lüneburg und der drohende Verlust von 190 Industriearbeitsplätzen.
Worum es wirklich geht
Während Jungheinrich von einem „Bekenntnis zum Standort“ spricht, erklärt Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch öffentlich, man müsse die Unternehmensentscheidung akzeptieren und die Entwicklung als „gute Nachricht“ bewerten. Das halte ich für falsch, weil es die Lage verharmlost. Denn wenn Produktion abgezogen wird, geht es nicht nur um Zahlen. Es geht um tarifgebundene Beschäftigung, industrielle Wertschöpfung und um die Stabilität einer ganzen Region – für die Beschäftigten selbst, für Zulieferbetriebe und für viele Familien in Stadt und Landkreis.
Erhaltene 140 Arbeitsplätze standen nie zur Disposition
Besonders irritierend: Die öffentlich hervorgehobenen 140 Büroarbeitsplätze waren nie in Frage gestellt worden. Sie entsprechen den ursprünglichen Plänen des Konzerns bereits vor Beginn des Streiks. Es handelt sich also nicht um ein neues Entgegenkommen, sondern um eine Wiederholung bekannter Zusagen. Wenn daraus jetzt ein Erfolg konstruiert wird, verschiebt sich die öffentliche Debatte weg vom Kern: Der Konzern will 190 Industriearbeitsplätze abbauen – daran hat sich bislang nichts geändert.
Keine voreilige Erfolgspolitik auf dem Rücken der Beschäftigten
In dieser Situation ist es politisch problematisch, schnelle Bilder und positive Schlagzeilen in den Vordergrund zu stellen: moderne Büroflächen, Campusaufwertung, ein vermeintlicher „Standortimpuls“. Das mag kurzfristig gut klingen, trägt aber nicht durch.
Wer jetzt von einem ‚Bekenntnis zum Standort‘ spricht, blendet aus, dass gleichzeitig Industriearbeitsplätze verschwinden sollen. Die 140 Büroarbeitsplätze standen nie infrage. Sie jetzt als Erfolg zu verkaufen, löst kein einziges Problem der Beschäftigten. In laufenden Tarif- und Standortverhandlungen braucht es politische Rückendeckung – keine voreilige Zufriedenheit.
Öffentliche Signale wirken in die Verhandlungen hinein
Der Arbeitskampf dauert weiter an, die entscheidenden Verhandlungen zwischen Jungheinrich und der IG Metall stehen noch bevor. Gerade in dieser Phase kommt es auf klare Signale an.
Besonders kritisch ist, dass Konzernvertreter offen darüber spekulieren, die Streikbereitschaft könne nun „bröckeln“. Wer als Politik oder Verwaltung jetzt den Eindruck erweckt, die Angelegenheit sei im Wesentlichen geregelt, schwächt die Arbeitnehmerseite in einem Moment, in dem es Rückhalt braucht.
Der Streik der Kolleginnen und Kollegen bei Jungheinrich ist mutig und unterstützenswert. Wer ihn indirekt als erledigt darstellt, schwächt die Arbeitnehmerseite und stärkt den Konzern. Lüneburg braucht industrielle Wertschöpfung und gut bezahlte Arbeitsplätze – nicht nur schöne Gebäude und Power-Point-Präsentationen.
Respekt für die Streikenden und eine klare Zukunftsfrage für Lüneburg
Der Streik der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verdient Respekt. Er ist Ausdruck legitimer Interessenvertretung und kein Störfaktor. Wer nicht kämpft, hat schon verloren – das ist nicht nur ein Spruch, sondern für viele Beschäftigte bittere Realität, wenn Produktion verlagert und Standorte ausgedünnt werden. Deshalb stehe ich klar an der Seite der Belegschaft und der IG Metall. Und deshalb muss auch die politische Botschaft eindeutig sein: Lüneburg braucht mehr als Dienstleistung und Verwaltungsarbeitsplätze – es braucht industrielle Substanz.
Wir stehen klar an der Seite der Belegschaft und der IG Metall. Lüneburg darf nicht zu einem reinen Dienstleistungsstandort werden, in dem Industriearbeit Schritt für Schritt verschwindet. Gute Industriearbeitsplätze sind kein Auslaufmodell, sondern eine Zukunftsfrage für die Region.
Ausblick: Rückendeckung statt vorschneller Erfolgsmeldungen
Jetzt braucht es keine vorschnellen Erfolgsmeldungen, sondern eine klare politische Haltung: Rückendeckung für die Beschäftigten, Unterstützung für faire Verhandlungen und ernsthafte Anstrengungen, industrielle Arbeit in Lüneburg zu erhalten.
Wer Verantwortung für diese Stadt trägt, sollte nicht die „leichte“ Geschichte erzählen, sondern die entscheidende: Es geht um 190 Arbeitsplätze, um Tarifbindung, um Wertschöpfung – und um die Frage, welche Art von Arbeit Lüneburg in Zukunft haben soll.